Umwelt, Der Maulwurf
Der Fluß der Zeiten gräbt sich seine eigenen Ufer und folgt immer nur seinem Lauf. Man kann ihn zeitweilig eindämmen, umleiten, stauen, zwingen rückwärts zu fließen, oder was man sonst noch so alles mit einem freien Willen anfangen kann. Letztendlich wird er aber seine Schranken durchbrechen und weiter seinen Weg gehen. Dabei stören ihn hochgelehrte Weisheiten und wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse recht wenig. Denn der Fluß der Zeiten weiß über diese Welt besser Bescheid, als seine Zähmer und Begradiger.
Ich lade Euch ein, liebe(r) LeserInnen, ein Weilchen mit mir auf dem Fluß der Zeiten zu fahren, über seine sanften Wellen unserer Schulweisheit und seine unser Wissensboot erschütternden Stromschnellen.
Umwelt
Irgendwie hatte unsere alte Schrottmühle beim Crash mit im All dümpelnden Überresten einer prähistorischen Supernova eins auf die Mütze bekommen. Da war dann wohl eine kleine Reparaturpause fällig. Wir sprangen durch die Lichtmauer in die dritte Dimension. Der Bordcomputer meldete Wasser und deutliche Anzeichen von Leben auf Eiweißbasis auf einem Planeten in einem naheliegenden System, welches sonderbarerweise nur eine Sonne aufwies.
Wir landeten also auf dieser blauen Kugel, zogen eine Tarnkappe über das Schiff und schickten die Servoboter an die Arbeit. Wie üblich bei Betriebspannen brach ein bißchen Hektik an Bord aus. Ich verdrückte mich schleunigst ins Nachrichtenzentrum und holte mir die Analysedaten unserer Meßsonden auf den Schirm.
Erstaunlich! Die Atmosphäre war übersättigt mit Stickoxyden, im Trinkwasser tummelten sich die Ablagerungen hochgiftiger Schwermetalle. Die Bodenkrume war teils radikal ausgelaugt, teils hoffnungslos überdüngt und strahlte in den Halbwertzeiten diverser radioaktiver Elemente.
Trotzdem konnte ich ganz deutlich zahlreiche Wärmespuren von Lebewesen registrieren. Unter solchen Bedingungen hätten wir uns nur mit schützenden Anzügen bewegen können. Diese Wesen verfügten offensichtlich über eine unglaubliche Lebensenergie und Widerstandskraft. Große Anhäufungen von Steinbauten deuteten auf eine uns ähnliche Spezies.
Mein Vorschlag zur Kontaktaufnahme wurde aber vom Mannschaftsrat verworfen. Sprock, unser Sicherheitsoffizier, bestritt diesen Taumelbeinern, wie er sie nannte, jegliche Art von Intelligenz. Wer dermaßen verantwortungslos mit seinem Lebensraum umginge, habe noch einen langen Weg der Entwicklung vor sich.
Abends meldete unser Technikprogramm volle Startbereitschaft. Wir sprangen zurück in die 4. Dimension. Das Leben an Bord nahm seinen gewohnten Gang auf. Ich beugte mich fasziniert über einen der kleinen Nebenbildschirme. Wie ein lichtfunkelnder Tautropfen löste sich dieser Planet der verpaßten Möglichkeiten in der Tiefe des Weltraumes auf. Schade.
Aber vielleicht durfte ich ja auf einer späteren Mission hierher zurückkommen.
Der Maulwurf
Jetzt war es ja doch schon eine Zeitlang her, seit er den elterlichen Bau verlassen und sich das Waldstück unter dem großen Ebereschenstubben als neue Heimat erkoren hatte.
Seine Wahl hätte besser nicht sein können, der Boden hier war weich und würzig, in Südrichtung sperrte eine Lehmschicht das Wasser. So waren Schlaf- und Wohnkammer in Sommer und Winter trocken und behaglich warm und er brauchte sich nicht zu schämen, einem Mädchen sein Reich zu zeigen. Er wußte auch schon genau, wer das sein würde - die Kleine aus der Sippe unter dem Farnacker mit diesem süßen weißen Lätzchen auf der Brust.
Gerade eben hatte er seine Runde beendet und so im Großen und Ganzen konnte er mit dem Gesehenen zufrieden sein. Die Gänge waren sauber, die Wände stabil und der Stollenvortrieb zu den jungen wohlschmeckenden Wurzeln der Fichtenschonung versprach, ein voller Erfolg zu werden.
Ein fernes Donnern und Grummeln lief durch die Tunnel, die Erde schmeckte auf einmal seltsam bitter und zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich ein wenig unsicher.
Es gab da noch kleine Mängel im Ausbau des Hauptganges. Die Statikwerte der tragenden Decke entlang der Wetterschächte war er wohl ein wenig zu locker angegangen und so war der Großteil der unter vielen Mühen angelegten Kommunikationsröhren zur Oberwelt bereits wieder eingestürzt.
Nagut, gleich morgen...
Ein furchtbarer Laut, so wie er ihn noch nie gehört hatte, schlug auf seine in panischer Angst emporgerichteten Nackenhaare ein. Hochgespannte Elektrizität kroch wie eine zischende Schlange durch den Lebensraum, der ihm bislang so vertraut gewesen war. Seine rosaroten Grabpfötchen, die Dutzende von Erdschichten augenblicklich analysieren konnten, zuckten zurück, als hätte er sie in Säure getaucht. Das trommelnde Dröhnen zerplatzender Regentropfen auf der durch die vorausgegangene Hitze bis zum Zerreißen gespannte Erdoberfläche löschte jegliches Denken in ihm.
Er rannte los, egal wohin, einfach nur weg von hier.
Als er besinnungslos vor Angst auf den Waldweg hinausruderte, sprach der Engel des Lichts mit einer Stimme aus Milliarden von Volt und zerriß sein kleines Herz.
Das ist der Schrecken und das ist der Trost:
Lebe jeden Tag, so intensiv du kannst.
Denn du weißt nicht, wann Dein Lebenslicht zu Ende geht.
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