(Fragment. In Bearbeitung!)
Die Uhr zeigte 1.30 a.m. Ich stand im Bus, der mich nach Haus zu Mam und Dad brachte und fühlte mich müde, aber trotzdem okay.
Ich war mit Bret durch die Szene-Kneipen im guten alten Liverpool gezogen, hatte mit allerlei interessanten Typen gequatscht und auf irgendeinem Sit-In beim Singen der Hymne "We shall overcome" eine Petition unterschrieben, die Frankreich zum sofortigen und bedingungslosen Stop aller Agressionen in Algerien aufforderte.
Hier draußen in den Gartensiedlungen leerte sich der Bus allmählich, ich schob mich durch die Schlingerbewegungen zur Tür. Der Bus schwenkte in die Haltenische, die Türhälften klappten zischend auseinander. Ich spürte einen weichen Aufprall im Rücken, murmelte eine höfliche Entschuldigung und stakste den Plattenweg zu meiner elterlichen Behausung empor.
Ich war wirklich der Meinung, so ziemlich lautlos in das Haus gegangen zu sein, aber natürlich stand Mam wie immer am oberen Treppenabsatz.
Ich flüsterte ihr zu, nur noch eine Kleinigkeit essen und dann zu Bett gehen zu wollen.
In der Küche stand mal wieder eine Riesenplatte voll Sandwiches und auch der Tee hatte genau die Temperatur, daß ich ihn gleich aus der Thermosflasche trinken konnte.
Leicht aufstoßend stieg ich die Treppe empor und tippte kurz an die Schlafzimmertür meiner Altvorderen. Mam war sofort da, ich drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und flüsterte, ich dürfe heute früh keinesfalls verschlafen. Sie sagte, mein Wecker wäre ja längst gestellt, aber ich hätte Dad keine Erlaubnis hinterlassen, mein Zimmer betreten zu dürfen. Ich wuschelte ihr kurz meine Nase durch das Haar.
Gegen 7. 30 a.m. erwachte ich und stieß das angelehnte Fenster vollends auf. Die Amseln und Lerchen plärrten eine dermaßen Naht zurecht, daß man unmöglich weiterschlafen konnte. Ich schlüpfte hinaus auf den Balkon.
Im Ein-Familien-Trakt nebenan sprengte der Nachbar gerade seinen Rasen. Beim Anblick meiner Schlafanzughorts wandte er sich mit einem "Oh, sorry" zur Seite und richtete dabei den Wasserstrahl unbeabsichtigt auf Loch 10 seiner Minigolfanlage.
Die Sonne war noch nicht ganz soweit mit ihrer Wärme, versprach aber, gleich zu kommen.
Die Rolling Stones sangen "I can't get no satisfaction", ich drehte den Knopf des kleinen Transistorradios bis sich der Lautsprecher überschlug und stieg hinunter in die Küche.
Mam bat mich, wenn schon nicht an sie, dann doch an meinen Goldfisch zu denken und diese furchtbare Musik nicht so laut zu spielen. Ich drehte den Powerknopf einen halben Strich zurück.
Während der Nachrichtensprecher der BBC verkündete, daß die USA mit der Bombardierung militärischer Ziele in Nord-Vietnam begonnen hätten und über Germany mittlerweile der 17. "Starfighter" abgestürzt wäre, zog ich mir das Frühstück rein.
Toast, Jam, Rührei mit Schinken, kalter Porridge und reichlich Tee mit viel Milch.
Dad war die ganze Zeit hinter seiner "TIMES" weder zu sehen, noch zu hören. Mam seufzte ein wenig, weil ich ihre Cornflakes unberührt stehenließ. Mochte ja sein, daß dieses Gekrumpsche sehr gesund ist, aber ich kam da einfach nicht ran. Genausowenig machte es mich an, wie meine Kumpels stundenlang auf einem Stück Gummi herumzukauen.
Ich schnappte mein Lunchpaket, hängte mir den Regenschirm über den Arm, sagte Tschüß zu Dad, gab Mam einen Kuß und ging zur Bushaltestelle hinunter.
Beim Laufen blätterte ich durch einen neuerschienenen Comic. Die Story handelte von einem kleinen Gallier mit Riesenflügeln am Helm und seinem dicken starken Freund und veralberte unter dem Deckmantel der Historie fast alle dummen menschlichen Gewohnheiten, die man sich vorstellen konnte. Ich lachte ziemlich laut, besonders der dicke Obelix mit seinem "Die spinnen, die Römer!" imponierte mir.
An der Bushaltestelle stand ein Mädchen, ihr aschblondes Haar war mit einer gepunkteten Schleife zu einem reichlichen Pferdeschwanz gebunden. Auf meinen höflich-unverbindlichen Gruß reagierte sie nicht.
Ich beschloß, diese dämliche Ziege für heute und alle Zukunft zu ignorieren, mir aber vorher anzusehen, wen ich da verachtete.
Sie war einen Kopf kleiner als ich, trug flache Schuhe mit Kreppsohlen, weiße Ringelsöckchen, einen weiten Rock mit wer weiß wievielen Petticoats darunter und eine längsgestreifte Bluse mit weißem Bubikragen. Mehr war nicht zu sehen, weil sie eine riesige Handtasche schutzsuchend an sich preßte.
Genauso sahen diese dummen Gänse aus, die bei den Konzerten schmalzlockiger Rock'n'Roll-Bubis reihenweise kreischend in Ohnmacht fielen.. Sie wußte ganz genau, daß ich sie ansah, denn sie hielt die ganze Zeit den Blick gesenkt. Ihr Gesicht gehörte zu der Sorte, die man nicht unbedingt fortwerfen muß, aber das war ja sowieso egal.
Ich las weiter in meinem "Asterix".
Damals absolvierte ich gerade mein Volontariat bei der Anwaltskanzlei "Mathew & Son.". Bret und ich hatten bis jetzt die kleineren Zivilsachen für den alten Mathew zu seiner Zufriedenheit erledigt und wurden jetzt so nach und nach an die komplexeren Brocken herangeführt. Heute früh hatte uns der alte Paragraphenfuchs in sein Büro gerufen und die Linie für die nächste Zeit ausgegeben. Dabei blieb sein Blick wie erfroren an mir hängen.
Ich sah an mir herunter, konnte aber nichts feststellen. Die hochhackigen Halbstiefel geputzt, die Schlaghose aus Popeline korrekt gebügelt, der dunkle Rolli ohne Flecken, die Haare ordentlich in die Stirn und leicht über die Ohren gekämmt. Alles okay, ich hatte eigentlich ein reines Gewissen. Bret kämpfte neben mir wie ein Mann mit einem Lachkrampf.
Aber natürlich war unser Chef ein Brite der alten Schule. Er sagte, es läge außerhalb seiner Befugnisse, dem Verhalten eines Gentlemans irgendwelche Regeln zu diktieren. Er bitte uns lediglich, die notwendige Balance zwischen den verständlichen Forderungen persönlicher Freiheit und den zwingend notwendigen Erfordernissen geschäftlicher Präsenz nicht aus den Augen zu verlieren. Er zweifele übrigens keineswegs daran, daß wir im konkreten Fall sehr wohl beurteilen könnten, in welcher Form diese Erkenntnis in die Tat umzusetzen sei.
Als wir da raus waren, haben wir erstmal tief durchgeatmet. Nachmittags ertappte ich mich dabei, wie ich mir unsere Sekretärin Mrs. Briefstone in flachen Schuhen und Petticoat vorzustellen versuchte.
Am nächsten Morgen war ich reichlich enttäuscht, weil die Tussy nicht an der Bushaltestelle stand. Auf unserer abendlichen Tour zerrte ich Bret absichtlich in die lautesten Lokale, drehte mich betont weg, wenn irgendwo ein weiter Rock auftauchte und trank mehr Bier als gewöhnlich.
Am dritten Morgen geriet ich in Panik, weil sie wieder nicht da war. Ich schob mit fahrigen Bewegungen die Akten umher, konnte mich auf nichts konzentrieren und antwortete auf Brets besorgte Fragen, ich wäre absolut okay.
Mrs. Briefstone lächelte nur.
Ich mußte handeln. Beim Diner beichtete ich Mam und Dad alles und sagte, ich müßte dieses Mädchen unbedingt wiedersehen. Mam schloß mich zärtlich in die Arme und strich mir durch das Haar, Dad ließ die "EVENING STANDARD POST" sinken und meinte, daß dieses Problem für einen alten Grabenkämpfer wie ihn keines wäre. Er sei ziemlich sicher, daß er und Mam mir den nächsten Schritt abnehmen könnten. Dann allerdings müßte ich schon selber klarkommen.
Ich sah mir noch die "Ed Sullivan Show" an und ging zeitig zu Bett.
Irgendwie paßte sich das Wetter meiner Stimmung an, die Sonne verschwand, es wurde trübe und regnerisch. Die Tage vergingen in öder Monotonie, zum Glück hatte mir Dad erlaubt, ein Reisegrammophon zu kaufen. So einen kleinen Quiekser, wo sich der Lautsprecher im Deckel befand und dessen Sound wir heute verwenden würden, um die Ratten im Keller zu verscheuchen. Aber damals war das die absolute Welle.
Bret und ich lagen auf meinem Bett, futterten Popcorn und lutschten kauend an kleinen Schinkenstückchen, die uns Mam heraufgebracht hatte. Auf dem Plattenteller drehten sich diese kleinen schwarzen Kunststoffscheiben, die man mit ein bißchen Verhandlungsgeschick für wenige Pence unten in der Riverside bei den amerikanischen Matrosen kaufen konnte. Wir hörten den Blues von Muddy Waters, Bob Dylan näselte sein "Blowin' in the wind" und Wanda Jackson lud ein zu "Let's have a party".
Ich zog den Regenschirm hoch und ging zur Bushaltestelle. Das Wetter hatte sich gerade zum Wolkenbruch aufgeklärt, ich grummelte mürrisch etwas von offensichtlich total Bekloppten in der Himmelsetage über uns, bog in die Bushaltestelle und spürte einen tonnenschweren Bleiklumpen in meinen Magen stürzen.
Sie drückte sich halbdurchnäßt in den völlig unzureichenden Schutz des BUSSTOP - Schildes, preßte ihre Handtasche vor die Brust und sah mir nicht eben sehr begeistert entgegen.
Ich zögerte kurz, riß dann die Zweiquadratmeilen zäher Wurzeln von den Füßen, rannte zu ihr und hielt den Schirm über sie. Nach einer Weile schnaufte sie kurz und drückte sich dann zitternd an mich. Ich wünschte, dieser Augenblick möge nie vergehen, aber sie fror und doch wohl offensichtlich nur wegen mir.
Ich sagte leise, daß sie mir sehr gut gefiele und wenn sie mich auch ein kleines bißchen mögen würde, solle sie mir doch ihre Adresse geben. Vielleicht könnten wir beide ja mal zusammen eine Cola trinken.
Sie schloß für einen Moment die Augen. Dann öffnete sie ihre Handtasche, schob einen Zettel in das Gestänge des Regenschirms, hauchte mir einen ganz winzigen Kuß auf die Wange und lief davon.
Als der Bus um die Ecke bog, tobte ich singend mit pitschnassen Klamotten durch die Straßenpfützen und winkte dem Busfahrer, er möge bedenkenlos weiterfahren. Zu Hause wechselte ich Shirt und Pants und fuhr mit dem nächsten Bus ins Büro. Und wie es so ist, wenn schon mal alles klappt, - ausgerechnet an diesem Tag war der gute alte Mathew in London, was mir einen Haufen dämlicher Ausreden ersparte.
Abends ging ich mit Bret in ein Handtuchkino unten am alten Mersey, sie gaben "Das Dschungelbuch" von Walt Disney und wir lachten uns scheckig bei den lebenswahr getroffenen Dummheiten des Elefanten-Colonels und den untauglichen Versuchen Balus, den kleinen Mowgli aus den Fängen des Orang Utan - Königs zu befreien.
Die Adresse führte mich zur U.S. ARMY - Base.
Ich rief einfach mal so dort an, eine Ordonnanz verband mich mit dem diensthabenden Officer, eine befehlsgewohnte Stimme schnauzte mich an, ich solle gleich zur Sache kommen und nicht unnütz Zeit verschwenden. Na, solche Ochsen habe ich doch am allerliebsten.
Ich schnauzte zurück, daß ich eh keine Zeit hätte, weil ich gerade eine Geheimleitung des Secret Service Ihrer Königlichen Majestät angezapft hätte. Er solle mir also sofort eine Verbindung zu seiner Tochter herstellen, da ich anderenfalls unsere Connection auf das Büro seines Präsidenten in Washington umleiten würde, was gewisse glaubwürdige Erklärungen seinerseits erfordern würde.
Das muß ihn vom Sessel gehauen haben, in der Leitung blieb es still. Ich legte auf.
Mam setzte wie gewohnt ihre Teetasse mit so leichter Hand auf der Untertasse ab, daß es einen Schmetterling nicht in seiner Ruhe gestört hätte.
Sie sagte, daß ich viel zu ungestüm vorgegangen wäre und auf diese Art nicht viel erreichen würde.
Andererseits erinnere sie das Ganze an die verrückten Zeiten von 1940.
Die Germans hatten damals begonnen, die Insel mit ihren Flügelraketen zu beschießen, Coventry und London wurden regelrecht aus den Angeln gebombt und buchstäblich jede Hand zum Pflegen der Verwundeten gebraucht. Sie hatte damals gerade erfolgreich ihre Lehre als "Kaufmännischer Angestellter" beendet und diente mangels einer Anstellung vorübergehend freiwillig im "Weiße Engel Bataillion" der Royal Air Force in London. An jenem Nachmittag hatte sie wie jeden Mittwoch vorgezogenen Dienstschluß gehabt und war mit ihrer besten Freundin Peggy in ein Tanzlokal gegangen.
Von Anfang an war ihr dieser fesche Sergeant mit den süßen braunen Augen aufgefallen, aber er war schon jetzt am frühen Abend hoffnungslos betrunken und so schüttelte sie jedesmal den Kopf, wenn er sie leicht schwankend zum Tanz aufforderte. Sie rauchte dann nur mal so eben auf Backe eine Chesterfield, ließ sich auch mal unverbindlich von diversen Lieutenants und Captains zu einem Drink an die Bar entführen und registrierte aus den Augenwinkeln, wie der kleine Sergeant keinen Tropfen mehr zu sich nahm und sie nur wütend mit den Augen verschlang.
Als sie wieder einmal von der Toilette zurückkehrte, wo sie sich eh nur das Haar zurechtzupfte, stand er vor ihr, nahm ihre Hand und sagte mit trauriger Stimme, wenn sie jetzt immer noch nicht mit ihm tanzen wolle, würde er sich morgen für einen Feindflug über Frankreich melden.
Natürlich glaubte sie nicht einen Buchstaben von diesem Gewimmer, aber sie sagte, sie müsse jetzt in die Kaserne zurück und wenn er wolle, dürfe er sie begleiten. Natürlich nur zu ihrem Schutz.
Leider wurde aus der folgenden Verabredung nichts, da ihr Batallion noch im Morgengrauen wegen erhöhtem Feindbeschuß in das Landesinnere verlegt wurde. Erst 1948 hätte sie das Schicksal wieder mit diesem Sergeant zusammengeführt, dann allerdings hätten sie auch gleich geheiratet und sie hätte es bis heute nicht bereut.
Dad ließ den "READERS DIGEST" sinken und sagte, falls bisherig gefallene Worte auf seine Person zielen würden, so könne er nur ergänzend hinzufügen, daß an bewußtem Abend ein gewisser Weißer Engel der Royal Air Force bei ihrem diensthabenden Wing-Commander verlängerten Ausgang bis zum Morgen erwirkt und erwähnten Sergeant mit den süßen braunen Augen in eindeutig sexueller Gier in ihr Heim verschleppt hatte.
Und wiedergesehen habe man sich nur, weil erwähnter Oberidiot von einem Sergeant nicht geruht und nicht gerastet habe, bis er über das Britische Rote Kreuz den Aufenthaltsort des Weißen Engels herausgefunden hatte. Dem Rest könne er sich allerdings vorbehaltlos anschließen...
Wir lachten alle, Mam biß Dad ganz sacht in das Ohrläppchen und Dad sagte, er würde uns gern zur Feier des Tages einen Schluck Champagner spendieren.
Die Nummer auf dem Zettel stand auch im örtlichen Telefonbuch.
Ich rief nurmal eben so dort an.
Eine reifere weibliche Stimme mit starkem Kartoffelkloß-Akzent meldete sich.
Roger! - besser konnte es gar nicht laufen.
Ich holte den ältesten Trick aus dem allertiefsten Neandertal hervor und flötete, ob das Töchterchen eventuell so lieb sein und mir die Mam ans Telefon holen würde. Die Stimme sagte freudig bewegt, hier wäre die Mam.
1:0 für mich.
Ich machte eine kleine Kunstpause und raspelte mit total zerknitterter Stimme, ...falls ich der Madam jetzt unbeabsichtigt zu nahe getreten wäre, würde ich herzlich um Verzeihung bitten...
Sie aber lachte froh und meinte, das ginge schon in Ordnung.
Ab jetzt brauchte ich eigentlich nur noch offene Türen einzurennen.
Ich sagte, ihre kleine Missis hätte vorgestern bei strömenden Regen ihre Adresse in meinem Regenschirm verloren und ich würde sie ihr gern wiederbringen.
Es wurde still im Hörer, ich klopfte besorgt gegen die Sprechmuschel, dann kam die Stimme wieder und sie klang immer noch so, als hätte sie ein Handtuch gefrühstückt.
Jane wäre über den Tag mit ihrer Pfadfindergruppe weggefahren und der Zeitpunkt ihrer Rückkehr ungewiß. Desungeachtet wäre ich, so ich es wünschte, heute abend zum Diner herzlich willkommen.
Ich machte eine kleine Kunstpause und sagte dann, ich könnte es gerade noch so auf meinem Terminkalender unterbringen.
Kartoffelkloß gluckste ein kochend aufsprudelndes Lachen.
Jane's Pferdeschwanz hüpfte wild auf und nieder, als sie mir aufgeregt entgegengesprungen kam. Sie nahm mich lächelnd bei der Hand, zog mich durch das Gartentor und strich mir lieb über das Gesicht.
Keine Spur mehr von dem schüchternen Mädchen an der Bushaltestelle.
Sie lief voraus über einen Plattenweg aus Naturstein. Im hinteren Teil des Gartens standen um einen rauchenden Grill von der Größe eines Billardtisches eine Menge Lametta-Träger hoher und höchster Dienstränge mit den dazugehörenden blondgelockten Barbie-Puppen.
Auf einem improvisierten Footbolfeld rannte eine Mannschaft der Army seine Schädel gegen ein Team der Navy. Schlanke, echt gutgewachsene Mädels schwenkten bei jeder gelungenen Aktion ihrer Mannschaft grellgefärbte Federbüsche mit den Vereinsfarben. Ein schmachtender Typ mit extralangen Koteletten verkleisterte die schöne Abendluft mit Schmalz der Sorte: "Strangers In The Night", "Wooden Heart" und "Green Green Gras Of Home". Ich überlegte einen Moment lang, ob ich hier nicht im falschen Kino wäre.
In einem passenden Augenblick gab Jane mir einen ermunternden Stoß, ich machte einen Bückling vor ihrem Dad und ließ ein Kompliment über seine Party vom Stapel. Er runzelte die Stirn und meinte, diese Stimme doch schon gehört zu haben. Ich aber schenkte ihm meinen treuesten Wimpernaufschlag und versicherte, das wäre ganz und gar und völlig unmöglich. Zum Glück wurde in diesem Moment das Match abgepfiffen und er mußte die Siegerehrung vornehmen.
Ich habe seither schon oft überlegt, was ich doch für einen unverschämten Dusel gehabt habe. Jane war praktisch nur für eine Woche aus den Staaten herübergeflogen, um ihrer Mam bei den Vorbereitungen für die Abschiedsparty zu helfen. Ihr Dad hatte seine Demission bei der Army eingereicht und einen leitenden Posten in der Autoindustrie in Denver übernommen.
Ein bitteres Jahr verstrich in den glücklichen Augenblicken empfangener
Picture Postcards and Letters from U.S.A.
Abends hockte ich auf Bude und verbiß mich in die Vorbereitungen auf mein Examen. Aber eigentlich brachte ich es ganz locker hinter mich, Mam und Dad strahlten vor Glück und der alte Mathew behandelte mich auf seine Art wie den eigenen Sohn.
Jetzt konnte ich handeln. Ich schrieb Jane einen langen Brief und bat sie, meine Frau zu werden. Dann pappte ich das gezahnte Bild der Queen auf den blauen Umschlag und trug ihn durch den Regen hinunter zu der roten Mailbox.
Der Abend fiel auf die Lichter der Gartensiedlung, mit abgeblendeten Scheinwerfern bog der Bus in die Haltestelle und stieß zischend die Türflügel auseinander.
Ein tonnenschwerer Klumpen Blei fiel in meinen Magen.
Jane kämpfte sich mit einem Riesenungetüm von Koffer durch die Haltestangen zur Tür hinaus ins Freie. Als sie mich sah, ließ sie den Koffer fallen und preßte sich die Handtasche vor die Brust.
Ich riß die zwei Quadratmeilen zäher Wurzeln von meinen Füßen, rannte zu ihr und hielt ihr den Briefumschlag schützend über den Kopf. Der Regen rann hernieder, löste die Tinte auf dem Umschlag und lief in blauen Bächen über ihr Gesicht.
Nach einer Weile lachte sie erlöst auf, ließ die Handtasche fallen, zog meinen Kopf herunter und verschmolz ihre weichen Lippen mit den meinen zu einem langen unaufhörlichen Kuß.
Noch im gleichen Monat habe ich mein Mädchen geheiratet. Unsere Hochzeitsreise führte in Janes Heimat, die irgendwo links im Mittelwesten der USA liegt. Es ist eine ländliche Gegend, die Leute sind nett und sie spielen da einen sehr ordentlichen Rhythm'n'Blues, aber dort leben würde ich keinesfalls wollen.
Auf dem Rückweg machten wir einen kleinen Umweg über Surfin' California, besuchten ein Konzert der "Beach Boys" und fuhren abends mit einer Hippietruppe in riesigen Chevrolets hinaus zu den vertrockneten Bachläufen von L.A., um einen Schluck Bourbon zu trinken und einen Stengel Dope zu rauchen. Allerdings wollte meine britische Skepsis schon damals nicht einsehen, wie man mit Haschisch und Blumen im Haar der Liebe zum Sieg über den Krieg verhelfen könne.
Der gute alte Mathew hatte mir die Juniorstelle einer bekannten Londoner Anwaltskanzlei vermittelt, obwohl er sich damit quasi selbst die rechte Hand abschlug, wie er sagte.
Jane und ich fuhren aufgeregt hinab nach LONDON, besichtigten mehrere Häuser und entschieden uns dann für eines draußen in QUEENS PARK, nett und ruhig gelegen.
Abends fuhren wir mit dem Bus in die City, wir nahmen immer das Oberdeck und ich glaube sogar, dabei einmal John Lennon gesehen zu haben.
In den Kinos lief "Woodstock - Der Film",
mit Sidney Poitier stand der erste farbige Lehrer in "Junge Dornen" auf der Leinwand
und
der Comic "Fritz The Cat" inspirierte Mick Jagger zu seinem "Sympathie For The Devil".
Im Marquee-Club schaufelte die elektronisch erzeugte Musik von
Emerson, Lake & Palmer,
Iron butterfly und
yes
dem Gitarrenbeat der BEATLES endgültig das Grab.
Jane ging gerade mit Eileen schwanger, hörte am liebsten die Bubble Gum Music von Ohio Express und The 1910 Fruitgum Companie und hatte einen atemberaubenden Verbrauch an Kaugummis. Ich war mir manchmal nicht sicher, was stärker anschwoll, ihr Bauch oder die Blasen, die sie aus dieser Kautschukmasse trieb. Zum Glück machte sie das nie vor meinen Klienten.
Albion, the Queen's own country, schlitterte damals bergab von einer ruinösen Wirtschaftskrise in die nächst schlimmere.
Folglich tummelten sich in meiner Praxis nur noch gescheiterte Existenzen mit Tränensäcken unter den Augen und nach Whyski stinkendem Atem.
Bret stach damals mit welthungrigem Finger durch Mao-Bibeln, schlug nachts an den Straßenecken mit safrangelb gewandeten Bettelmönchen die Hare Krishna - Klampfe und trug sich zusammen mit Mick Jagger für ein Semester Wirtschaftslehre an der Pariser Sorbonne ein.
Ich schrie ihn aus dem allgemeinen Streß heraus wohl ein wenig häufiger an, als es der sonst zwischen uns vereinbarte Verträglichkeitslevel zuläßt. Er kam nach anfangs häufigen Besuchen dann nicht mehr zu uns.
Im gleichen Zuge konnte ich Jane's weinerliches Gejaule nicht mehr ertragen, ließ mir entnervt einen Kinnbart wachsen und verbrachte meine Nächte in der rauchgeschwängerten Luft der Studentenclubs entlang der Carneby Street.
Als Highlight dieses Intermezzos gilt absolut mein richterlicher Schlag durch die Hände von Ray Davis und Cat Stevens. Sie hatten gewettet, ob jeweils ihr Song "Lola" oder die Ballade "Father and Son" die Pole-Position der UK-Charts erobern würde.
Später erlag ich den Lockungen eines grünäugigen vollbusigen Kätzchens, verließ Jane und zog in die Wohngemeinschaft einer Künstlertruppe, die ihre Performance dem Umweltgedanken verschrieben hatte.
Die Grundidee bestand darin, daß sich ein Auto in langatmigen Monologen a lá Shakespeare seiner Zivilisationsunverträglichkeit bewußt wird. Ich gab in diesem Stück einen abgefahrenen Autoreifen, der die Sinnlosigkeit seines Daseins erkennt und sich freiwillig in den Shredder wirft.
Nach der x-ten Vorstellung vor den an wackligen Bindfäden aufgehängten Requisiten und den leer gähnenden Stühlen einer Dorfschänke irgendwo draußen in den GREEN MEADOWS erkannte ich, daß ich mich selbst zum abgefahrenen Autoreifen gemacht hatte und ging fort.
Ich schrieb dem sechsundzwanzigjährigen Impressario einen Abschiedsbrief, mietete ein Taxi und fuhr hinunter zu den Kreidefelsen von Dover.
Dort saß ich in der emporschäumenden Gischt der Brandung und warf kleine Steinchen gegen die Wellen.
Drei Jahre hochfliegender Träume hatten sich letztlich als nicht mehr als ein Pfund in Zeitungspapier eingewickelte Heringe erwiesen.
Dann ging ich in die nächstgelegene Telefonzelle, rief Jane an und bat sie, mich nach Hause zu holen.
Stunden später kreischten Bremsen, mein Mädchen lächelte, kam auf mich zu und schloß mich in den Kreis ihrer weichen Arme.
Eileen stand neben ihr, hielt ihren Teddy gegen die Brust gepreßt und betrachtete mich mit finsteren Augen.
Ich hob mein Töchterchen empor und wollte ihr einen Kuß geben. Sie bog sich ablehnend zur Seite und schüttelte abwehrend den Kopf.
Es ging uns durch die folgenden Jahre nicht gerade blendend, aber auch nie wirklich schlecht. Ich nahm nach und nach die Leitung der Kanzlei in meine Hände, Jane arbeitete freiberuflich als Journalistin und engagierte sich bei der Frauenorganisation Greenham Common. Eileen sagte, ihr College wäre okay. Jedes Jahr zu den Ostertagen flogen wir über den großen Teich zu Janes Eltern.
Mam und Dad schauten anfangs gelegentlich vorbei und nahmen Eileen für das Wochenende zu sich.
Wir nutzten diese Zeit für romantische Abenteuerausflüge. Besonders gern erinnere ich mich an jenen Abend in den Scotish Highlands. In dicke Pullover gemummelt, saßen wir engumschlungen auf einer Wiese und sahen zu unseren Füßen die Sonne dunkelrot und riesengroß in einem Bergsee versinken. Nachdem Jane sich an meiner Schulter ausgeweint, ausgeseufzt und und ein Dutzend Taschentücher vollgeschnieft hatte, zerrte sie mich gickernd in den Wohnwagen und fiel wie eine ausgehungerte Wölfin über mich her. Falls es ein höheres Wesen gibt, dem ich für diese Frau dankbar sein muß, dann sage ich ihm hiermit, daß ich es bin.
Später bekam Dad Probleme beim Atmen und so fuhren halt wir hinaus nach Liverpool.
Eileen kam eine Zeitlang nur noch nach Haus, um einen Happen zu essen, ein wenig zu schlafen, dann zur Uni und anschließend zur nächsten Demo zu gehen.
In der "Saturday Evening Post" war ein Foto von ihr zu sehen, wie sie auf dem Times Square zornig ihre Faust gegen ein Plakat von Maggie Thatcher hebt. Ich glaube, es ging da um den Falkland-Feldzug und daß sie nicht einverstanden war mit der Headline: "Britannia rule the waves!"
Außerdem war sie voll am Abkotzen, wenn sie einen dieser "Yuppies" daherkommen sah. Diese arschtoten Typen in grauem englischen Zwirn und echt chinesischen Seidenschlipsen. Die unersetzlich wertvollen Augen geschützt durch französische Sonnenbrillen und die schmächtigen Körperchen geputzt mit italienischen Hemden.
Pausenlos auf Handys und Notebooks herumtippend, überspielten sie geschickt die Tatsache, ihren eigenen Namen nicht fehlerfrei schreiben zu können und ließen sich auf dem Display ihrer Schweizer Funkarmbanduhren digital über das Wetter vor ihrer eigenen Nase informieren.
Eileen sagte, statt eines Gehirns trügen diese Wichser ein Kondom mit Himbeergeschmack.Fuck yourself, you stupid!
Ein weiterer Button auf ihrem Platz an unserem Frühstückstisch verkündete: No future!
Einmal. Ein einzigesmal konnte meine Tochter meinen provozierenden Blick nicht mehr ertragen und hat mich zum Weekend mitgenommen. Wir fuhren mit dem Bus hinaus zum Itchikoo-Park.
Ein Pulk von Motorrädern in bullig dröhnenden V6-Boxermotoren mit Wasserkühlung stoppte mit heißaufkreischenden Bremsen vor uns. Eileen übernahm die Führungskarre, klappte das Plastevisier ihres US-Polizeihelmes hinunter und stob davon. Ich schwang mich extraschnell auf den Rücksitz des nächsten Choppers und ließ mir von der hauseigenen Stereoanlage Steppenwolfs "Born to be wild" um die Ohren flattern.
Eileen trug damals den Kopf geschoren bis auf einen grellrot gefärbten Hahnkamm, grüntätowierte Lidschatten, dazu Kloketten und Sicherheitsnadeln in allen erdenklichen Formen durch jedes steckbare Teil an ihrem Gesicht. Dazu mit der Schere zerschnittene Jeans und rein zur Provokation knappe Muscle-Shirts ohne BH. Sie hatte die sportliche Figur und den üppigen straffen Busen von Jane geerbt und beide sind ja immer einen Blick wert.
Bis sie in der Mensa ihrer Uni diesen farbigen Medizinstudenten kennenlernte und es aus war mit Punk und Provokation. Jedenfalls äußerlich. Der Name dieses Burschen geht mir einfach nicht über die Zunge, ich sage immer Raoul zu ihm und er hat es akzeptiert. Die beiden hatten dann geheiratet und machten ihr Praktikum irgendwo dort unten in der afrikanischen Sahel-Zone.
Da Eileen ihre Garage ja nun nicht mehr benötigte, baute ich sie um und richtete darin ein kleines Museum ein. Auf dem Kalk der weißen Wände hängen sie, unsere Schätze aus der Zeit der pochenden Herzen und der weichen Knie:
- Mein allererstes Beatlesplakat, in einer mit Bret inszenierten Nacht und Nebel - Aktion aus den Schaukästen des "Starclubs" in Hamburg gestohlen. Eigentlich wollten wir ja unsere Kellerkinder "live on backstage" erleben, aber das Konzert war ausverkauft und die Bodyguards ließen uns nicht hinein.
Bret fand diesen Stein und irgendwie ist er dann in diesen Schaukasten geflogen.
Very strange.
Für diesen Wochenend -Trip über den Kanal habe ich Mam und Dad zum ersten Mal in meinem Leben nicht um Erlaubnis gefragt. Ich sehe es noch wie heute vor mir, wie Bret und ich mit grünweißen Gesichtern über der Reling der Fähre hingen und unseren Mageninhalt den Fischen opferten.
- Die kleinen bunten Bandposter von DAVE DEE, DOZY, BEAKY, MICK & TEACH aus der "BRAVO"
- Janes Bebop-Klamotten, komplett mit flachen Schuhen, Petticoat, rotem Lackledergürtel und dem damals während der Schwangerschaft abgeschnittenen Pferdeschwanz
- Bräunlich werdende Partyfotos. Auf einem dieser Bildchen schleppe ich gerade inmitten einer Schar keuchender Youngsters eine Lautsprecherbox der Rolling Stones die Bühne hinauf
Keith Richards steht lässig eine Zigarette rauchend im Vordergrund, Mick Jagger kommt gerade mit einem blonden Bunny eingehakt aus der Umkleidekabine.
- Verblichene Zeitungsschnipsel aus der Yellow Press. In einem dieser Artikel gibt Elizabeth "Cleopatra" Taylor ihre Scheidung von Richard "Marcus Antonius" Burton bekannt.
- Das Reisegrammophon.
- Singles mit dem Lable von ODEON, DECCA, TAMLA MOTOWN und Songs von Roy Orbeson, Buddy Holly, den Supremes.
- Jane's Ungetüm von Handtasche
- Das Spulentonbandgerät mit Magnetbändern der Hitparade vom Piratensender "Radio Nordsee".
- Das Foto von "Pickles", dem guten alten Hund, der den Pokal der Fußballweltmeisterschaft 1964 in einem Londoner Vorgarten wiederfand.
Das fröhliche alte England wurde dann durch ein reguläres Tor, welches den Germans noch bis heute die rote Wut in das Gesicht treibt, zum Weltmeister gekrönt.
Die Germans hätten uns damals zu einem fair verlorenem Spiel die Hand reichen können.
Stattdessen zogen sie es vor, uns grob zu verleumden.
- Das kleine Transistorradio, das ich überall mitgeschleift habe.
- Janes Photosammlung von Elvis, Little Richard, Chuck Berry usw., alle mit authentischen Unterschriften und durch einen Kuß von Jane's Lippenstift versiegelt.
- "Der allerletzte Original-Schmetterling vom Brian Jones Tribute Concert der Rolling Stones im Londoner Hyde Park". Bei näherem Hinsehen erweist sich dieser Schmetterling allerdings als vertrocknete Kleidermotte, dem es außer dem rechten Flügel auch sonstig an jeglicher Form von Glaubwürdigkeit fehlt.
Der bekiffte Typ in der Cable-Bahn in San Francisco, der uns damals diese naphtalinverseuchten Ersatzstücke ernsthaft als unbezahlbare Originale andrehen wollte, hatte im Abgehen wie nebenbei an Janes Brust gegriffen und schlug anschließend für uns alle völlig überraschend in einem Anfall von Selbstzerstörung mit dem Kopf auf den Waggonboden auf.
Spitze Zungen hatten behauptet, selbiges Ereignis wäre zusammenhänglich mit meinem blitzschnell auf den Gang hinausschießenden Fuß gewesen, aber das würde ich dann doch eher als böses Gerücht bezeichnen.
Dabei glitt ihm dummerweise auch noch eine ganze Collection von "Der allerletzte Original Schmetterling vom Brian Jones Tribute Concert der Rolling Stones im Londoner Hyde Park" aus dem Mantel.
Peinlich, peinlich, aber soetwas kann ja mal passieren.
Rein aus dem puren Mitleid heraus habe ich damals so einen Schmettterling gerettet.
- Der Sticker mit dem kopfstehenden Ypsilon in einem Kreis, der bedeutet: "Stopt die Atomtests!"
- Das schwarzweiße Che Guevara-Poster von Andy Warhol.
- Janes Minirock, von dem ich heute noch nicht weiß, was sie wohl glaubte, mit diesem Stückchen Stoff verhüllen zu können.
- Obelix als handgroßer Radiergummi. Mit verschränkten Armen schüttelt er den Kopf und scheint zu sagen: "Die spinnen, die Briten!"
- Mein Studentenparka, die irre ausgeschnittenen Schlaghosen, die abgeschabten Wildledertramps.
- Ein Stückchen Blitzableiter.
Wir hatten damals den Film "Blutige Erdbeeren " gesehen und Jane wollte unbedingt ein Autogramm von THUNDERCLAP NEWMAN haben.
Ich höhnte, wenn ihr dies gelinge, würde ich aus Ehrfurcht unser Zimmer in Zukunft nur noch über den Blitzableiter betreten.
Sie aber schob ein "Kabel" über den großen Teich, ihr Dad wählte ein paar Nummern an seinem Telefon und Tom Petty fragte, wann es uns denn genehm wäre. Echt!
Tja, was blieb mir anderes übrig. Ich hockte unter unserem Balkon und schimpfte mich einen alten Idioten.
Als ich dann irgendwann völlig steifgefroren nach dem Blitzableiter griff, heulte ich vor Schmerz und Kälte auf. Jane kam heraus und warf mir eine Wolldecke herunter.
O my goodnes...
- Ihre Knautschlackstiefel mit handbreiter Plateausohle und das Paillettenkostüm aus der Disco-Zeit der BEE GEES, Olivia Newton-Johns und John Travoltas.
- Meine Lederjacke nach Art des guten alten Gary Glitter
- Die durch Freudentränen völlig zerweichte Eintrittskarte für ein Konzert der "Bay City Rollers", die ich für Eileen zu ihrem 9. Geburtstag erstanden hatte.
Unser Töchterchen lag anschließend drei Tage mit Stimmband-Abriß und infektionösem Fieber auf der Intensivstation.
An diesem ganzen Schlamassel war natürlich und selbstverständlich nur ich ganz allein schuld.
Well, damals hat Jane drei Wochen lang nicht mit mir gesprochen.
- Den abgegriffenen Paperback: "The Hitch Hiker's Guide to the Galaxy". Alle drei Bände.
Was haben Bret und ich damals gelacht.
- Eileens letztgetragener, von ihr authorisierter Büstenhalter.
- Die Campbell-Suppendosen-Poster und der Aschenbecher in Form einer Hand ohne Fingerkuppen von Andy Warhol.
- Das Büchlein "Die Reisen mit meiner Tante" von Graham Greene.
- Unser erster "Billieboy", damals noch pur und ohne Himbeergeschmack...
Dad ist letzten Sommer von uns gegangen und Mam ist ihm bald darauf gefolgt. Sie rief uns zu sich in das kleine Haus nach Liverpool, wir tranken eine Tasse Tee und sie sagte, wie stolz sie auf uns alle ist. Und wie sinnlos das Leben ohne Dad für sie wäre.
Ich spürte, daß irgendetwas nicht stimmte, ich hielt ihre Hand und sagte, wir würden wach bleiben und wenn sie etwas bräuchte, solle sie nur rufen. In der gleichen Nacht ist sie dann friedlich eingeschlafen.
Mam hatte ihr ganzes Leben selbstlos in Liebe und Opferbereitschaft für ihren Mann und ihr Kind verbracht und sie war Frau genug, niemals nach irgendjemand rufen zu müssen.
Ich ging daran, Eileens Zimmer für Dana herzurichten.
Roul und Eileen weilten anläßlich eines medizinischen Kongresses in London und wollten anschließend ein befreundetes Ärztepaar in Germany besuchen.
Zu unserer großen Freude hatte unser Enkelchen Dana erklärt, gern das Wochenende bei uns verbringen zu wollen. Das war ja nun echt viel zu selten der Fall. Jane war zur Bushaltestelle gegangen, um sie abzuholen.
Dana. Jedesmal, wenn ich ein Foto dieses braunen Schokoladenpüppchens sah, wurde es mir warm ums Herz. Na gut, sie wurde jetzt 9 Jahre alt, so klein war sie also nicht mehr, aber sie ist wirklich so ein süßes Kind.
Jane und ich hatten ein paar aktuelle Poster und CD's gekauft, um es Dana an nichts fehlen zu lassen. Seufzend stand ich mit den Papierrollen unter dem Arm da und betrachtete Eileens Wandverzierungen.
Da hingen Plakate von den
Sex Pistols Wham! U2 The Jam Sting Bob Geldof Duran Duran
und natürlich Tina Turner als "Private Dancer" und Jane Fonda als "Aerobic-Prinzessin",
die auf das Bajonett aufgespießte Friedenstaube von John Heartfield,
der ängstlich in seiner Fruchtblase zusammengekauerte Embryo im Angesicht der züngelnden Kobra mit dem Kopf der Anti-Baby-Pille.
Und Darth Vader aus der STAR WARS - Saga.
Ich hatte immer geglaubt, das wäre der Böse, aber Eileen sah das offenbar anders.
In der Schublade des Nachtschränkchens lagen ein paar Polaroidfotos von gar nicht mal so unübel aussehenden Burschen mit Bürstenfrisur und Goldohrringen nebst einer angebrochenen Packung Slipeinlagen.
Es war fast zum Schmunzeln - als Eileen 9 Jahre alt war, bat sie mich, ab sofort ihr Zimmer nicht mehr zu betreten.
Ich beschloß, alles so zu lassen, wie es war. Dana sollte sich selbst ein Bild von ihrer Mam machen. Außen an die Tür pappte ich ein Poster von "Take that", wie sie gerade mit erhobenem Hemd dem Photographen die mit ihrem Bandnamen bestickten Underpants entgegenrecken. Auf dem Nachtschränkchen fächerte ich die Silberscheiben einiger in den Charts gängigen Bands auseinander und ließ den CD-Schlitten der kleinen Stereoanlage einladend herausfahren.
Im Wohnzimmer machte ich die Glotze scharf und klickte auf MTV. Es lief das Video von Paul Simon "You can call me Al" aus seiner LP "Graceland" und ich war so froh, daß sich die beiden Streithähne Paul und Art offensichtlich zu alter Genialität zusammengefunden hatten. Ich stelzte gerade wie ein angetörnter Flamingo mit steifem Hals quer durch die Bude und tat so, als würde ich einen besonders intensiven, äußerst komplizierten Saxophonlauf blasen, da schrillte die Klingel.
Ich ging nach vorn und zog die Haustür auf.
.
Das eintönige, jedes Geräusch vernichtende Rauschen des Regens hüllte meine Trommelfelle in unförmige Klumpen und verschluckte fast die Worte des Sergeants.
In seinen großen traurigen Augen spiegelte sich mein entsetztes Gesicht.
Zweiquadratmeilen zäher Wurzeln wuchsen aus meinen Füßen, ein tonnenschwerer Bleiklumpen stürzte in meinen Magen.
Von da an weiß ich eigentlich nicht mehr viel. Ich rannte hinunter zur Bushaltestelle.
Ein Taxifahrer war trotz der behinderten Sichtverhältnisse mit überhöhter Geschwindigkeit in die Bushaltestelle hineingeprescht.
Was einmal Jane und Dana waren, lag zerquetscht in zwei Plastiksäcken. Die Kreideumrisse der polizeilichen Ermittlungsarbeit zerflossen in den herniederplatschenden Regentropfen. Ich kniete schreiend nieder und umschloß die beiden Plastiksäcke mit meinen Armen. Hier, in diesem niederfließenen Regen, würde ich bleiben und mit diesen Plastiksäcken im Arm sterben. Wie ein Wolf knurrend biß ich einen heraneilenden Sanitäter in den Oberschenkel und flüchtete mit den Plasticsäcken in den Armen in die Dunkelheit. Bald aber war meine Kraft am Ende. Aufdröhnendes Geknatter eines Hubschrauberrotors näherte sich, der gelbe Leuchtfinger seines Suchscheinwerfes erhellte mein Versteck. Ein in das Kleid eines anglikanischen Priesters gehüllter Mann bat mich, meinen Widerstand aufzugeben. Ich öffnete meine die Müllsäcke umschließenden Hände und verschloß meinen Geist.
Der gute alte Mathews holte mich da raus und empfahl mich in sein Schweizer Klinikum. Dort lernte ich, in weiche Bademäntel aus Seide gehüllt, wieder nach und nach Finger und Zehen zu bewegen.
Eileen war mir damals eine große Hilfe. Obwohl sie ihr Kind und ihre Mutter verloren hatte, besaß sie noch die Kraft, mich regelmäßig in der Schweiz zu besuchen, ihre Arme sanft um meinen Kopf zu schließen und mich zu trösten. Durch sie war ich sehr schnell wieder klar.
Und auch wieder fähig, mich um Jane zu kümmern.
In den Grabhügeln von HEATHROWS GATE, in einem kleinen Stückchen englischer Erde, unter einem schlichten Holzkreuz, hat mein amerikanisches Mädchen seine letzte Heimat gefunden.
Please, Mr. Postman, stop and see
isn't there a letter in your bag for me?(THE BEATLES)
Ich intervenierte bei der ROYAL SCHOOL SOCIETY zu London auf eine Anstellung.
In dem prompt eintreffenden Angebotskatalog wählte ich die kleingedruckte, im hintersten Teil des Katalogs versteckte Stelle eines Lehrers/Gemeindedieners in den Scotish Highlands.
Mitten in die Reisevorbereitungen hinein warf der Postjunge ein Telegramm vom guten alten Mathews über den Zaun.
Ich las es, löste ein Ticket der London-Nothern-Railroad und fuhr hinauf in das fröhliche alte Liverpool.
In meinem Abteil war gerade ein völlig abgehippter Youngster mit seinem Walkman zu Gange. Er zuckte von der Musik angetrieben die Bänke hinauf und hinunter und hielt mir mit gläsern verdrehten Augen ein Booklet der "VILLAGE PEOPLE" entgegen. YMCA.
Das wäre das absolut Größte, was er jemals in seinem Leben gehört hätte, dröhnte er mir tröpfchensprühend in das Gesicht. Ich stimmte zu, ließ mir von ihm einen Teil seiner Kopfhörer in das Ohr propfen und nickte mit ihm den Kopf zum Rhythmus der Musik. Ja, es war okay. Ich habe mich da nicht belästigt gefühlt.
Mit hochgeschlagenem Kragen meiner Jeansjacke ging ich durch den nebelverhangenen Morgen der Liverpooler Riverside. Die einst vom geschäftigen Lärm dröhnender Schiffssirenen erfüllten Hafengassen lagen in wartend unbeschäftigten Schweigen.
Der Block mit dem Handtuchkino und dem Schneidergeschäft, wo ich damals mit Bret unsere Jeans auf Schuhgröße aufschneiden ließ, war einem Supermarkt mit angeschlossenem Fast Food-Restaurant gewichen.
Ein mit Protestplakaten der englischen Seemannsgewerkschaft behängter Sandwich-Man versuchte, mir einen Zettel in die Hand zu schieben. Ich verneinte höflich, aber bestimmt.
Im Schatten quirlig herabfallender Kastanienblätter drückte ich den Klingelknopf der Anwaltskanzlei "Mathew & Son".
Den Platz von Mrs. Briefstone füllten drei mit Kopfhörern behangene, eifrig auf die Tastatur ihrer Sprachcomputer einhämmernde Mädchen.
Der alte Mathew kam aus den dunklen Tiefen der in seine Büros führenden Gänge herbeigeschlurft und bat mich in sein Büro.
Dabei blieb sein Blick wie erfroren an mir hängen.
Ich sah an mir herunter, konnte aber nichts feststellen. Die obersten zwei Hemdknöpfe abgerissen, die Jeans von oben bis unten total abgeschabt und zerfetzt, die hüftlangen grauen Haare ordentlich mit einem Gummiband zum Pferdeschwanz gerafft, die braunen Sandalen passend zu den weißen Socken. Alles okay, ich hatte eigentlich ein ruhiges Gewissen.
Aber natürlich ist der alte Mathews ein Brite und kritikastert daher nicht an anderen Leuten herum.
Er schloß seine wachsbleiche Hand um meinen Hinterkopf und sagte, der Unfall meiner Frau hätte ihn so getroffen, als wenn es seine Tochter gewesen wäre.
Dann drehte er verschiedene Knöpfe an seinem Panzerschrank, steckte einen aus dem Westentäschchen gezogenen Schlüssel in das Safeschloß und reichte mir schweratmend einen Umschlag aus braunem Packpapier.
Selbigen - und dabei sah er mich mit kranken rotgeäderten Augen an - dürfte ich aber erst nach seinem Tod öffnen. Er hob die Hand und strich mir mit sichtlicher Mühe sacht über das Haar.
Dann hinkte er langsam zurück in das dunkel verhangene Reich seiner Aktenschränke.
Regentropfen gruben Schlieren in die schmutzigen Scheiben des kleinen verlassenen Bahnhofgebäudes.
Ich bugsierte mich schwitzend aus dem Waggon heraus, stolperte mit Koffern und Reisetaschen behängt über das holprige Pflaster der von grünen Grasbüscheln überwachsenen Anschlußstraße und kämpfte mich durch die dumpfriechende Wolle einer blökenden Schafsherde. Der Fuhrmann auf dem Bock eines kleinen Ackerwagens schwenkte seine Peitsche einladend in meine Richtung.
Vormittags schließe ich im Schulgebäude die Tür auf, wische den Staub von den Bänken und warte auf meine Schüler. Nach anfänglichem Zögern haben die Kiddies mich akzeptiert, sie kommen jetzt gern zum Unterricht und hin und wieder finde ich sogar ein Sträußchen Feldblumen auf meinem Tisch.
Nachmittags stoße ich selbstgemolkene Schafsmilch zu Butter oder stricke warme Socken für den Winter. Auf dem aus groben Feldsteinen gemauerten Kamin, gleich neben dem Portrait von Jane, steht wartend der Brief vom guten alten Mathew.
In seinem schlicht, aber geschmackvoll mit Zaunkönigs- und Lerchenfedern ausgepolsterten Körbchen liegt zusammengerollt und grausam schnarchend Simon Templar. Als legitimer Nachfahre einer langen Reihe von schottischen Katzen aus der Stuart-Familie hat er natürlich ständig ein wachsames Auge auf solche englischen Windsor-Knechte wie mich.
Folglich hat er von Anfang an mit einem wütenden Tatzenschlag klargestellt, daß er auf mein Wohlwollen absolut nicht angewiesen ist, sondern mir die Gnade einer zeitweiligen Wohngemeinschaft zu erteilen geruht.
Bei gutem Licht suche ich fotografische Motive in den Highlands. Ich denke doch, demnächst einen Bildband mit exclusiven Fotos veröffentlichen zu können.
Zum "lazy sunday afternoon" oben auf einem Bergbauernhof meines Sprengels kommt es garnicht selten vor, daß mein fachmännisches Urteil beim Anstich eines 60 Jahre alten Fäßchens Whyski gesucht wird.
Eileen und Raoul haben telegrafiert, ich solle sie doch Mitte Dezember in Amsterdam besuchen, bei ihnen wäre wieder etwas Kleines in Aussicht. Ich habe einen halben Tag hemmungslos vor Freude geweint. Aber klar doch! Ich kann es garnicht abwarten und bin schon reineweg verrückt danach, wieder so ein braunes maunzendes Bündel im Arm zu halten.
Hier oben gibt es kein Satellitenfernsehen, kein Kino, kein Telefon. Wer etwas braucht, legt alle vierzehn Tage dem Schäferhundewagen vom alten McPherson einen Zettel bei.
Ich habe gestern einen Satz frischgeladener Akkus für mein kürzlich erstandenes Reisegrammophon bestellt. So einen kleinen Quiekser, wo sich der Lautsprecher im Deckel befindet und dessen Sound ich um nichts auf dieser Welt vermissen möchte. Der Dealer, ein Althippie mit schütterer Glatze und einem Popperschwänzchen im Genick, schob mir im Abgehen noch ein Päckchen zerkratzter Vinylsingles gratis in den Plastebeutel.
Abends, wenn die Sonne dunkelrot und riesengroß im See versinkt, lege ich die Nadel auf die Rille.
Jimi Hendrix singt: "All Along The Watchtower",
The Searchers: "Needles and Pins"
The Marmalade: "Reflections Of My Life"
The Who: "My Generation"
und wenn es dann in der allgemeinen Rührungsverquirlung an das Eingemachte geht,
hole ich das Teil mit "Emerson, Lake & Palmer" heraus.
"Lucky man",
der ultimative Kick an den User.
Das schiefe Maul der schlichten Bergsöhne beim Hören meiner Musik habe ich recht schnell wieder geradeziehen können.
Aber klardoch, das hätten wir ja gerne. Wir würden am liebsten den ganzen Tag immer nur das hören, was uns gefällt. Logisch.
Aber leider läuft es so nicht.
Ich habe mich dann in Freundschaft mit den Karoträgern geeinigt.
Ich bleibe mit meinem Katzengejaule in meiner Hütte, im Gegenzug halten sie mir ihr Dudelsackgekreische vom Leib.
So gleicht sich alles im Leben aus.
Ich habe jetzt auch überhaupt kein Problem mehr damit, an den Sonntagen einen Rock zu tragen.
An manchen Abenden, wenn ich mit gestippter Angel im Schilf eines Bergsees verharre, kräuselt sich das Wasser in leichten Wellen.
Grauzerfließende Nebelschwaden formen Schatten aus ineinanderlaufenden Schlieren brechenden Sonnenlichts. Manchmal erscheint aus diesen Dunstgestalten das Gesicht von Bret und schaut mich an.
Neuerdings bringt McPhersons Patenkind die Bestellungen zurück.
Ein vollbusiges, vom Blick her recht angenehmes, aber ansonsten leider eher scheues Mädel.
Ansonsten gibt es hier garnichts.
Und vor allen Dingen keine Bushaltestelle.
stand in leuchtend grünen Neonbuchstaben auf dem Plastebutton an ihrer Brust.