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IRINKA, DER THOMAS & DIE MAFA, Talnoje 1977

 

Apropos, was dieses in unserem mitteleuropäischen Kulturkreis ständig dahergequatschte "Guten Morgen", "Guten Tag" und "Guten Abend" betrifft.

Also, ich möchte das mal so sagen. Dies sind Synonyme, die man so aus der leichten Hand heraus spricht. Man lanciert diese Aussage - (und eine täglich wechselnde Auswahl dieser dem Angesprochenen auf der Zunge zerschmelzenden Schokoladenstückchen) - mehr oder weniger ausdrucksstark lächelnd in den mehr oder weniger ausdrucksstark zurücklächelnden Zielkreis unseres Interesses und ob die von unserem strahlenden Lächeln geblendete Zielperson wirklich einen „guten" Morgen (Tag) (Abend) hatte, interessiert uns im Grunde genommen genausoviel, als wenn in China in Sack Reis umfällt.Man geht so seine Straße herunter und grüßt den entgegenkommenden Bevölkerungsstrom wahlweise mit „Guten Morgen", „Mahlzeit", oder ganz einfach mit „Hi".

Jeder weiß, es bedeutet nichts.

Manchmal jedoch, - dazu sollte man allerdings schon sehr viel Glück haben und (!) auch die Gabe, dieses Glück erkennen zu können - manchmal, wie gesagt, trifft man Menschen, denen ein lieber Gruß, eben wie das „Guten Morgen" zum Beispiel, sehr viel bedeutet. Ich erinnere mich da an einen Morgen in einem russischen Hotel weit draußen am Rande des Ural, in einer Gegend, die zu jener Zeit als eine der Rüstungsschmieden der Roten Armee bekannt war und vor Gorbatschow als "verbotene Zone" galt.

Irinka

Unser Brigadier aus den sächsischen Niederungen des vogtländischen Erzgebirges - (der aufgrund seiner ausdauernden Begeisterung für brutzelndes Bratenfett und gewürzschwangere Düfte aus der Küche und der daraus erforderlichen persönlichen Präsenz mit Messer, Löffel und Gabel am wohlgedeckten Tisch von Speis und Trank sich ein wenig Übergewicht angefressen hatte) - und der Natschalnik der mit uns im Glauben und in Zuversicht an den Sieg des Sozialismus verschweißten Russenbrigade - (letztere damals noch Brüder in Waffen und Bürger der unbezwingbaren Sowjetunion) - hatten abends zuvor ihren Geburtstag gefeiert, welcher sich nach einem dieser unergründlichen Ratssprüche des Schicksales in Datum und Sternzeichen reibungslos überlappte.

Ich schildere das mal kurz. Den ganzen Tag hindurch brummten LKW und Jeeps mit Berliner und Moskauer Kennzeichen den etwas abschüssigen Kiesweg zur Datscha des Natschalniks hinunter. Ich hatte damals das Privileg erhalten, den Antransport der Köstlichkeiten zu überwachen und dem russischen „Zappzerazapp" von vornherein die Gurgel abzudrehen. Dazu stand mir eine gemischte Truppe von absolut vertrauenswürdigen Früchten aus der Saat des Leninschen Komsomol zur Hand. Begleitet natürlich von Internationalisten der FDJ, der Kampfreserve der besten, weil einzigen SED Deutschlands.

Ehrlich gesagt, gab es eigentlich gar keine Probleme. Nachdem wir den handelsprozentualen Glasbruch in Form von fünf Kästen Bier und den adäquaten Verdünnungsfaktor dieses lebensgefährlichen Giftes in Form von fünf Litern Wodka (ersatzweise fünf Litern Nordhäuser Doppelkorn) ohne weiteres dämliches Gequatsche in das örtliche Milizrevier umgeleitet hatten, lief alles reibungslos. Wir hatten auch so unsere Last, den ganzen Kram auszuladen. Abends war es dann soweit.

Wodka und Krimsekt flossen in sprudelnden Strömen, Kräuterschnaps und Lagerbier brandeten aufbrausend dagegen. Die Tische barsten unter der Last der Köstlichkeiten. Lachs, Kaviar, gebackene Lämmer, Piroggen und eingelegte Pilze kitzelten die Gaumen. An den Außenflanken der hufeisenförmig aufgestellten Tischkollonaden saßen wir vom ostdeutschen Brudervolk, uns im Antlitz gegenüber prangten hochrangige Vertreter des Rayonsowjets und eine Delegation von besonders verdienstvollen Mitgliedern des örtlichen Komsomolverbandes, die auf Grund dieses epochalen Anlasses teilweise sogar von den entferntesten Rayons der Sowjetunion zu diesem "Prasdnik" herbeigerufen waren.

Wir hoben die Gläser zum Trinkspruch und ich bemerkte eigentlich jetzt erst so recht, neben einem vom äußeren Anschein her garnichtmal so üblem Mädchen zu sitzen. Allerdings hatte sie die etwas gewöhnungsbedürftige Angewohnheit, die Kronenkorken von Bierflaschen mit ihrem prachtvollen Gebiß zu entfernen und die Sektkorken mit einem kunstvollen Schlag gegen den Hals besagter Flaschen. Überhaupt erweckten ihre Hände trotz aller Zartheit den Eindruck, als könnten sie bei Bedarf eiserne Schraubenmuttern zerquetschen. Auch ihr offensichtlich von keinerlei Gewissensbissen getrübtes Vergnügen, dem speziell für die ostdeutschen Klassenbrüder auf Lorbeerblatt und Sauerkraut angerichtetem Spanferkel mit bloßen Händen zu Leibe zu rücken, hätte nicht unbedingt den Beifall ihrer Fangemeinde herausgefordert, falls eine solche denn vorhanden gewesen wäre. Ansonsten saß allerdings jeder Körperteil bei ihr am rechten Fleck, war selbst unter ihrer schlabberigen Komsomolkluft als mit äußerst üppigen Maßen ausgestattet zu erkennen und von daher selbst dem verwöhntesten männlichen Auge sehr wohlgefällig. Sie erwies sich trotz aller Schüchternheit als unermüdliches Tanzwunder und begleitete mich darüberhinaus gern bei meinen Abstechern an die provisorische Bar.

Zweimal, - wenn ich mich denn recht erinnere -, versuchte sie, über dieses Kauderwelsch, welches sie dort draußen in den unendlichen Steppen ihre Sprache nennen, mit mir Kontakt aufzunehmen. Zweimal - wenn ich mich recht erinnere - mußte sie erkennen, daß nicht jeder, der seinen Fuß auf die heilige Erde von Mütterchen Rußland setzt, auch zwangsläufig deren Sprache beherrscht. Ich nehme an, sie wollte wissen, wie ich heiße, was ich so mache und lauter solches Zeug. Ich hätte es ihr ja gern erzählt, wenn ich gewußt hätte, daß solche Belanglosigkeiten sie so brennend interessieren. Wir verbrachten einen schönen Abend miteinander. Sie hieß Irinka.

Als ich im aufbrechenden Morgen des nächsten Tages in meinem Hotelbett versuchte die Augenlider zu heben, begriff ich schlagartig die Unendlichkeit des Universums. Riesige Hämmer, mit der deutlich erkennbaren Absicht mir weh zu tun, schlugen unerbittlich auf meinen Kopf ein. Ich zwang meinen Körper empor mit dem festen Willen, meinem Kopf zu helfen. Das absolut Dumme an der ganzen Situation war nur, daß ich überhaupt nicht wußte, in welchem Teil des Universums sich mein Kopf im Augenblick aufhielt. Und jeder Versuch meines Körpers, ihm zu helfen, vergrößerte nur seine Leiden. Da strich eine kühle weiche Hand über meine Stirn, eine Stimme sagte zärtlich: Guud Morg! Und als ich nicht gleich begriff, nochmals: Guud Morg! Durch den Nebel meiner alkoholverschleierten Augen schälte sich das Gesicht von Irinka, meiner Tischnachbarin von gestern abend. Sie zog meinen Kopf sanft und unwiderstehlich zu sich herüber, hob ihr Hemdchen, streifte es über meinem Kopf und sagte leise mit der guturalen Taubenstimme der östlichen Völker: Dobroje Utro! Ich wühlte meine Lippen in das schwellende Fleisch ihrer Brüste, ich sog mit allen Sinnen den fordernden Duft ihres Körpers, drang in sie ein und genoß es mit dem überwältigenden Glücksgefühl eines Kindes, mit ihr gemeinsam zum Höhepunkt zu kommen.

Später, als ich glaubte, meinem verlorenen Kopf wieder etwas entgegen geeilt zu sein, teilte Irinkas Lachen die Nebel meiner Mattigkeit. Sie drehte mich auf den Rücken, strich mit leisem Schnaufen tastend mit den Fingerspitzen über mein Gesicht und schlug ihre Zähne in meinen Hals. Ich schrie von Schmerz und Schreck gepeinigt auf - und fragte mich Sekunden später, warum ich jetzt überhaupt geschrieen hatte. Irinkas weiche saugende Lippen tranken mein Blut und jeder Tropfen den sie trank, gab mir ein Stück meines Lebens zurück. Die Rose zwischen ihren Schenkeln erglühte erneut und sog mich unwiderstehlich in sich hinein.

Als das Hotelpersonal am Morgen weckend gegen die Tür pochte, war die Lagerstatt neben mir verlassen. Ich ordnete, sogut es mir auf Grund der aktuell beschränkten Mittel möglich war, mit Kamm und Zahnstocher meinen derangierten äußeren Habitus und beschloß in einem Anfall unbelehrbarer Grausamkeit, die gemeinsame deutsche Frühstückstafel so recht nach Herzenslust mit meinem verquollenen Gesicht zu erschrecken. Ein Plan, so einfach wie genial! Da es an diesem Morgen aber in Ermangelung von nahrungsaufnahmebereiten Mägen keine gemeinsame deutsche Frühstückstafel gab, ist dieser Plan genauso einfach wie genial gescheitert.

Vierzehn Tage später, es war mal wieder Samstagabend und Disco-Time im deutschen Lager, stolperte die Frutte des FDJ-Sekretärs über den Betonabsatz, der die Tanzfläche der Diskothek vom Geläuf des gewöhnlichen Fußvolkes abgrenzte. Dabei sprang ihr auch noch dieser böse Sandalenriemen aus der Schnalle, die reichlich mit Straßsteinen benagelte Plateausohle stahl sich auf und davon und bot das entblößte Füßchen unserer First Lady den unzüchtigen Männerblicken preis. Wie es nun mal so ist, hatte mich der Zufall gerade kurz zuvor in die Nähe des Tatortes gepeitscht und besagtes Corpus Eroticus kullerte mir sozusagen in den Schoß. Ich genoß daher das Privileg, auf meinen Knieen ruhend das grazile Ledergeflecht über die sinnlich nach Creme Moussè duftende Fessel unserer First Lady zurückstreifen zu dürfen.

Die Lady neigte huldvoll zum Dank ihr Haupt und es ist sehr gut möglich, daß die Berührung ihres seidenweichen, leise vor unterdrückter Energie knisternden Blondhaares in mir das unstillbare Verlangen erweckte, hinauszuziehen und einen weiteren großen Sieg an die Fahnen des Sozialismus zu heften. Nur so ist es zu erklären, daß meine Lippen für einen kurzen Augenblick auf dem Rosenrot ihrer Wangen ruhten. Völlig unverständlich ist hingegen, warum noch im selben Augenblick unser FDJ-Sekretär mit Schaum vor dem Mund auf mich zugesprungen kam und mir Prügel anbot. Ich deutete ihm an, daß ich seine augenblickliche Entgleisung unregistriert als vergessen abspeichern könnte, wenn er mir die Adresse von Irinka besorgen würde. Im Abgehen registrierte ich aus den Augenwinkeln, wie sich das Kirschrot auf seinen Wangen in purpurnes Lila verfärbte. Tja, was soll man dazu sagen.

Später lag Post in meinem Briefkasten. Der örtliche Komsomolverband teilte mir in einem förmlichen Schreiben mit, daß sich Irinka pflichtgemäß bei ihrer Arbeitsstätte zurückgemeldet hatte.Ihr Urlaub war abgelaufen und sie mußte zurück zu den Brennpunkten des sozialistischen Geschehens. An der Baikal-Amur-Magistrale weit östlich im Reich des Zares aller Reußen wurden ihre Fähigkeiten als Schweißer dringend gebraucht. Weiteres Baugeschehen am bisherigen Trassenverlauf wurde durch die Partei- und Staatsführung als insgesamt nicht fruchtbringend eingeschätzt und unsere Brigade dann auch alsbald auf Baustellen in der Ukraine verlagert und letztendlich zurück auf Heimatbaustellen in der DDR zurückbeordert. Meine Briefe an Irinka wurden mir regelmäßig mit Schulterzucken von unseren „Postnik" zurückgegeben. Wohin sollte er sie denn schicken?

Ein Jahrzehnt später kam ich in dieses Land zurück. Die 2. Ausbaustufe der Drushba-Trasse als Beweis der Integrationsfähigeit des Sozialistischen Wirtschaftssystems in den Wachstumsprozeß eines internationalen Wirtschaftsgefüges sollte begonnen werden.

Wir inspizierten das alte Barackenlager und kamen zu dem Schluß, daß da nicht mehr viel zu machen war. Die Warm- und Kaltwasserleitungen waren völlig verrostet, die übrigen Versorgungsleitungen im Kalk erstickt. Sanierung sinnlos. Die Bulldozer rückten an und schoben die Betonskelette des Lagers zusammen. Am Abend saßen wir wie damals, als alles begann, am Lagerfeuer. Und aus den aufsteigenden Funken leuchtete wieder die Vision von einer neuen, einer schöneren, einer besseren Welt. Dann kamen die Jungs von der Miliz vorbei und alles ertrank wie üblich im Alkohol. Spät in der Nacht, - oder genauer gesagt früh am Morgen - , drehten die Anlasser in den UAS-Jeeps der Russen. Ein sturztrunkener Major, der immer wieder vergeblich versuchte, die in seinem eigenen Sabber erstickte Papyrossi anzuzünden, warf mir schließlich mit mühsamem Schnaufen einen Umschlag zu. Dieser Umschlag war ein fettig glänzendes, hellblaues und ansonsten nichtsssagendes Stück Papier. Seine Briefmarke und überhaupt die ganzeVorderseite waren zugedrückt von Weiterleitungsvermerken an Städte quer durch die Sowjetunion und Stempeln verschiedenster Art. Ein besonders auffälliger Stempel in leuchtendem Rot kündete davon, daß dieser Brief sogar kurzzeitig in Richtung DDR unterwegs gewesen war.

Ich nahm einen Schluck aus einem Glas, welches eben gerade in meiner Reichweite stand und drehte mit klopfendem Herzen den Umschlag in meinen Händen. Ein zufällig herumliegendes Kabelmesser half mir ihn zu öffnen. Zum Vorschein kam ein einfach gefalteter Bogen Papier, wie man ihn an jedem Ort dieser Welt beschreibt, wenn man gerade nichts anderes bei der Hand hat. Ein kleiner Fleck mit ausgefransten Rändern in der Ecke rechts oben war sicher das Ergebnis eines Tropfens Parfüm. Dazu ein Foto, wie es der Amateurfotograf bei Gelegenheit aus der Hand heraus schießt. Irinka lächelte in die Kamera, dick eingemummt in Lederklamotten, die Schweißermaske hochgeschoben. Nicht einmal der beginnende Vergilbungsprozeß des Fotos konnte dem strahlenden Weiß ihrer Zähne etwas anhaben. Einen kurzen Augenblick lang spürte ich das unwiderstehliche Bedürfnis, meinen Hals diesem Foto entgegen zuneigen.

Auf dem Bogen Papier standen nur einige wenige Sätze. Die Hand, die diese Feder geführt hatte, war es augenscheinlich eher gewohnt, schweren Hämmern und Schraubenschlüsseln zu befehlen. Die Buchstaben reihten sich in gerader Folge, brachen ab und erschienen wieder, so wie man eine Elektrode führt. Ich hörte wieder Irinkas Lachen, ich spürte ihre Brüste auf meinem Gesicht und ich sah jetzt tief hinten in ihren Augen die Angst mich zu verlieren.

"Dietmar, ich habe Deiner Brief gewartet so sehr, aber du nicht der schreibst. Sei mir der liebst, der mir schreib. Bitte ich dich lieben so viel. Dietmar bitte du mir schreib."

 

 

Der Thomas

Sonnabends kam Paps immer mittags nach Hause und schwenkte fröhlich seine Lohntüte.

Muutsch hatte das Haus gebohnert, es roch nach Zuckerkuchen und wir Kinder bekamen eine spitze Tüte mit leckeren sauren Bonbons.

Wie die meisten Bewohner dieses kleinen Städtchens in dem enggewundenen Tal am Südharzrand war Paps Bergmann auf dem Thomas-Müntzer-Schacht.

Der Förderturm der Schachtanlage thronte wie ein Patriarch oben auf dem Berg.

Der THOMAS behandelte seine Kinder, wie es die Väter alter Zeiten immer taten: Er ließ sie hart und unbarmherzig arbeiten, aber die Quellen seines Lohnes sprudelten auch reichlicher als die anderer Väter.

Unter seinem Schutz wuchs und gedieh die Stadt.

Ihre Bewohner stritten und liebten sich und bekamen Kinder, die ihrerseits auch wieder zum THOMAS hinaufzogen, ihr Brot zu verdienen.

Einmal im Jahr öffneten sich die großen Werktore und alle Bewohner der Stadt feierten seinen Geburtstag.

Die Zeit verging, der THOMAS wurde alt und bekam das Wasser in die Beine.

Zur gleichen Zeit wurde Paps schwer krank und Muutsch weinte heimlich in der Nacht.

Es half nichts, Paps hat den Preis für sein aufopferndes Leben bezahlt, längst deckt kühlendes Efeu sein Grab.

Aber bis zum Ende hat er seinen THOMAS geliebt.

Eines Tages schlossen sich die Werktore für immer, es wurde still in den Hallen, mit hohlem Stöhnen strich der kalte Herbstwind durch die zerbrochenen Fensteraugen.

Und ohne seine Kinder starb der alte THOMAS auch.

 

Die MAFA

Neulich las ich in der Zeitung vom Tod einer guten alten Nachbarin.

Nach langem schweren Kampf und Leiden, hieß es, wäre sie jetzt doch von uns geschieden. Die Maschinenfabrik Sangerhausen, erste Adresse in Ausrüstungen für Zuckerfabriken weltweit.

Im Rückflug der Gedanken über mein bisheriges Leben ist der rote Glanz ihrer Backsteinhaut allgegenwärtig.

Ihre Fensteraugen spiegelten die Strahlen der untergehenden Sonne hinauf in die Wipfel der Obstbäume entlang der Straße, in denen wir Kids bis spät in den Abend hinein herumtobten.

Die Segnungen der Technik hatten uns noch nicht im Griff, eine Fernsehtruhe galt damals als der Inbegriff von allerhöchstem Luxus und für gewöhnlich kam das Sandmännchen aus dem Radio.

Auch die Anzahl tagsüber an meinem Elternhaus vorbeirumpelnder Autos barg sich bequem in solch einer Aluminiumkanne, die ich täglich mit dem Wunsch nach zwei Litern Milch auf den Verkaufstresen des kleinen Molkereigeschäftes der Familie "Hahn" auf dem gegenüberliegenden Teil des Gonnatales stellte.

In den Wochen, in denen Paps Frühschicht hatte, saß ich nachmittags zur Vesperzeit auf dem verrosteten Eisengeländer unten an der Probstmühle. Paps kam, hob mich hoch und wuselte seine Nase durch mein Haar. Ich kruschelte mich an seine breite Brust, Paps nahm die Milchkanne und trug mich nach Haus.

Hänschen, ein stadtbekannter Geistesschwacher, las mit Flederwisch und Kehrschaufel die Pferdeäpfel von dem zerfahrenen Holperweg, der zu ihrem Haupttor führte.

In heißen Sommernächten saß ich schlaflos in das Deckbett gehüllt am offenen Fenster. Das Blinken des Flugfeuers an der Spitze ihrer Schornsteinnase stieß rhythmisch in das Flackern der Neonröhren auf dem Thomas-Müntzer-Schacht, welche eine stilisierte Sieben als Zeichen für den erfüllten Sieben-Jahr-Plan darstellten.

Es schien, als würden sich diese beiden Geschwister quer durch die Nacht und über das Tal hinweg unterhalten.

Rotglühende Funkengarben stießen aus den Schloten der Gießerei empor und dumpfdröhnender Hammerschlag aus der Blechschmiede wiegte mich in den Schlaf.

In der Aschenkuhle zu ihren Füßen habe ich mit dreckverschmierten Fingern meine erste Zigarette geraucht.

Als ich mit vierzehn Jahren klopfenden Herzens in das Leben der Erwachsenen trat und nicht so recht wußte wohin, hat sie mich ganz selbstverständlich zu sich in die Lehre genommen. Sie hat mir beigebracht, was sie wußte und wovon sie geglaubt hat, daß ich es auch wissen müßte.

Ganz spät nachts öffnete sie ihre Schornsteinfilter und hustete sich die Lungen frei. Rußflocken so breit wie mein Handrücken lagen morgens auf den vom Zahn der Zeit zernagten Gehwegplatten auf dem Weg von Zuhause in die Schule, den ich damals entlangging.

Als ich endlich den Schneid hatte, spät in der Abenddämmerung an der kleinen Grabenbrücke nicht weit entfernt von meinem Elternhaus unter dem betörenden Duft einer blühenden Linde zum erstenmal ein Mädchen zu küssen, schmeckten ihre Lippen nach der Süße von Florenacreme und dem malzigen Aroma verbrannter Rußflocken.

Ich verließ mein Elternhaus, zog fort in einen anderen Stadtteil und richtete mir meine eigene Bude ein. Irgendwann muß man ja anfangen, sein eigenes Leben zu beginnen.

Ich hörte nur noch fern von ihr.

Ihr Bruder, der Thomas, ist längst tot. Und mit ihm ein Stück meines Lebens und alles, was sicher schien in meinem Leben.

Nun ist also auch sie von uns gegangen und mit ihr ein weiteres Stück meines Lebens. Scheinbar macht das nichts.

Doch wieviele solcher Stücke kann man sich leisten zu verlieren, bevor man sich selbst verliert?

Talnoje, 1977

Unten auf dem Stadionrasen zog derweilen die Riege der Gewichtheber auf die provisorisch zusammen gebretterte Bühne hinauf. Jeder einzelne ein Recke, der mehr Muskeln aufweisen konnte, als die Sowjetische Staatsbank damals an Goldrubeln auf dem Weltmarkt.

Zum Aufwärmen warfen sich die Jungs ein paar Eisenkugeln zu, ließen sie cool über Arm und Schulter rollen und schnippten sie dann mit einer kickenden Bewegung zum Werfer zurück.

Also, das war schon super, was Juri, Michail und der Rest von der coolen Gang da zu bieten hatten. So rein im Vorübergehen warfen sie dann auch mal so ein popliges 50-Kilo-Gewicht nach einer knappen Abwärtsbewegung spielerisch in die Luft.

In der sicheren Gewißheit, daß seinen Recken hier in der Provinz niemand das Wasser reichen könne, rief der Trainer über die leicht überlastet knackenden Lautsprecher des Stadions das verehrte Publikum auf, gegen seine Jungs anzutreten. Als kleinen Eignungstest zuvor müsse man lediglich dieses neutrale 50-Kilo-Gewicht hier auf der Bühne anheben.

Ich befand mich damals in dem zugegebenermaßen äußerst schwierigen Alter von 25 Jahren und glaubte ernsthaft an dämliche Sprüche wie: „In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist." Oder so ähnlich.

Wie dem auch sei, ich hatte durch abendliche Ausdauerläufe quer durch das Barackenlager meine Lunge bis zur Weißglut erhitzt und im kühlenden Bad meiner Schweißtropfen zu unzerstörbarem Damaszener Stahl eingedampft. Das immer wieder aufflackernde Hohngelächter meiner Kumpels am Biertisch hatte ich dabei locker in Kauf genommen. Des weiteren warteten anschließend diverse in Eigenregie als Ersatzhantel zusammengeschraubte Werkstattteile darauf, die Fettschicht in meinen Muskeln zu vertreiben. Gelegentliches Wiegen meiner hanteligen Eigenkreationen auf der LKW-Waage unserer Kantine erbrachte immer Ergebnisse so um die 45 - 50 Kilogramm herum. Wer konnte denn schon wissen, daß unser Küchen-Boß die Waage in einem ganz winzigen Anteil zu seinen Gunsten manipuliert hatte. Ich ging von daher davon aus, ich würde mich in einem körperlichen Zustand befinden, den man so landläufig als "fit wie ein Turnschuh" bezeichnet.

In dieses Stadion war ich nur rein zufällig geraten, weil ich nicht wie sonst üblich schon am lieben Sonntag früh in der Lagerdisco total betrunken sein wollte. Ich hockte mich in der relativ ruhigen Westkurve unter einen großen Sonnenschirm, in dessem Schatten eine liebe gute Babuschka mit unbewegtem Gesicht das russische Volksgetränk "Kwaß" verkaufte, das Glas billig zu fünf Kopeken.

Eine "Kopeke" war damals, wer das vielleicht nicht wissen sollte, ein russisches Geldstück, welches nach außen im Verein mit seinem großen Bruder "Goldrubel" dem verhassten "US-Dollar" und seinem kleinen Bruder "US-Cent" auf dem internationalen Währungsmarkt politisch in Augenhöhe gegenüber stand – und in Wirklichkeit nicht das Blech wert war, aus dem sie gestanzt wurde.

"Kwaß" ist, wer das vielleicht nicht wissen sollte, ein Getränk aus vergorenem Brot und es schmeckt beim ersten Schluck fast wie Bier. Aber nur beim ersten Schluck und eben nur fast.

Nunja, als der Trainer also herumdröhnte, ihn und seine Jungs könnte keiner, lief ich zur Bühne hinunter. Barfuß und nur mit einer DDR-Schulsport-Turnhose um die Lenden bekleidet.

Der Trainer und seine Jungs machten sich erst garnicht die Mühe, ihr Grinsen zurück zuhalten, als ich Hering an das Gewicht herantrat. Das konnte mich freilich nicht anfechten, denn wie gesagt: Zentnergewichte hob ich mit links und den anderen Arm auf den Rücken gebunden.

Folglich trat ich völlig locker heran an die Last, griff die Stange mit leichten Händen, riß sie empor und - sie fiel mir schon in Kniehöhe aus den Händen und zurück auf den Boden. Gellende Pfiffe und frenetisches Hohngelächter stürzte von den Rängen auf mich hernieder, im Hintergrund spürte ich die grinsenden Muskelpakete nahen, die es ja von Anfang an gewußt hatten.

Man sagt, einem Ertrinkenden zöge in Sekundenschnelle sein ganzes Leben vor dem inneren Auge vorbei. Nun ja. Ich habe gewiß nicht vor zu ertrinken, um den Wahrheitsgehalt dieser Worte zu überprüfen. Ich kann aber bestätigen, daß mir in Sekundenschnelle gewisse Gedanken bezüglich unserer Kantinenwaage durch den Kopf gegangen sind.

Ich blieb also vor der heruntergefallenen Hantel stehen, lockerte Arme und Beine und gab so zu verstehen, daß ich die Chance auf einen zweiten Versuch haben wollte. Das wurde vom Publikum honoriert, die Pfiffe verstummten und die aufgepumpten Proteinfiguren hinter mir traten wieder einen Schritt zurück.

Diesmal ging ich es professioneller an. Ich strich erstmal mit den Händen die Stange entlang und prüfte, in welcher Griffweite sich mein Körper am wohlsten fühlen würde. Dann fragte ich Arme und Beine, ob dies für sie so okay wäre. Sie sagten: Ja. Also ging ich leicht in die Knie, preßte die Luft im Oberkörper zusammen, um meine Lunge zu schützen und stieß die Hantel mit aller Kraft nach oben.

Und leider auch an meine Grenzen.

Ich keuchte erstickt nach Atem und taumelte am ganzen Körper zitternd hin und her. Logisch, ich stand im Hohlkreuz und hätte mir damals bei einem Fehltritt sämtliche Rippen für das ganze Leben zersplittern können. Die Hantel lag viel zu weit vor meinem Körper, meine Arme bildeten einen extrem ungünstigen Winkel zur Last und in der Beweiskraft der physikalischen Hebelgesetze stand unwidersprechbar geschrieben, daß es mir nicht möglich sein würde, dieses Gewicht zur Hochstrecke zu bringen. Die Hantel schwebte in Höhe meines Brustkorbes und dort würde sie auch bleiben und dann herunterfallen. Punkt.

Diesen ehernen Wahrheiten stand nur eins entgegen, nämlich mein unbändiger Wille, diese Hantel dahin zubringen, sich über meinen Kopf zu erheben. Ich schrie vor Schmerzen mit blind geschlossenen Augen gegen diese Last an, die mich demütigen und vor dem Publikum blamieren wollte. Ich wollte lieber sterben, als diese Hantel loszulassen.

Aber ich war zu schwach, kein Teil meiner Muskulatur war dahingehend trainiert, eine solche Aufgabe zu bewältigen - meine Kräfte reichten nur aus, die Hantel auf Höhe meiner Brust zu fixieren. Und selbst dieses Wenige würde ich nicht mehr lange durchhalten können. Nur noch ein Wunder konnte mich retten.

Und dieses Wunder geschah. Ohne das ich es in meiner verkrampften Anstrengung bemerken konnte, schlug die Stimmung auf den Rängen um. Die anfänglich höhnischen Buh-Rufe waren einem mitfühlenden Schweigen gewichen und brandeten jetzt in anfeuerndem Klatschen und aufmunternden Sprechchören auf mich hernieder. Eine Kraft, die ich noch nie zuvor gespürt hatte, drang in meine Muskeln und hob die Hantel in müheloser Leichtigkeit empor. Ich wankte noch den einen und anderen Schritt umher und warf die Hantel im Rückwärtsgehen von mir. Wenn ich nicht sowieso vor Anstrengung halb blind und taub gewesen wäre, hätte der jetzt einsetzende Publikumsjubel mein Gehör gesprengt.

Dann lief ich barfuß und nur mit meiner DDR-Schulsport-Turnhose um die Lenden bekleidet zu meinem Platz zurück.

Die Muskelmänner von der Hebegilde wußten es noch nicht, aber die Show war vorüber.

Sie versuchten zwar noch mit dem einen oder anderen Hebekunststückchen den Beifall der Menge zu erringen, aber die Mädels aus der Ukraine hatten da keinen Bock mehr drauf. Der Trainer brach dann auch folgerichtig die baden gegangene Vorstellung ab und schritt schnellstens zur Siegerehrung.

Über die leicht überlastet knackenden Stadion-Lautsprecher wurde ich ebenfalls gebeten, nach vorn zu kommen. Da stand ich dann als kleiner Wolfsjunge zwischen den Elefanten und nahm freudig bewegt eine verzinkte Plastikmedaille mit dem Bildnis von Wladimir Iljitsch Lenin entgegen. Als der Trainer mir mit salbenden Worten dieses unbezahlbare Wertstück über den Nacken legte, tobten die Mädels auf den Rängen in frenetischem Beifall und die Elefanten hätten mich liebend gern mit einem einzigen Tritt zu Brei zerquetscht.

Aber sie durften es eben nicht.

Dann kündeten die leicht überlastet knackenden Stadion-Lautsprecher die Ankunft der deutschen Ikarus-Busse draußen auf der frischgemähten Wiese, denn es war Mittagszeit im deutschen Lager. Ich schnappte meine Siebensachen, gab der Kwas-Babuschka einen lieben Kuß und lief barfuß und nur mit meiner DDR-Schulsport-Turnhose um die Lenden bekleidet aus dem Stadion hinaus.